Zum Stand der Dinge

Nach den letzten und den sich bereits abzeichnenden Entscheidungen der Politik ist weiterhin davon auszugehen, dass wir den normalen Vereinsabend nicht durchführen können. Wir wären nämlich eine nicht „systemrelevante“ Ansammlung von Menschen auf engem Raum in einem Lokal, das zum jetztigen Zeitpunkt ja noch nicht mal öffnen darf. Wann der „normale“ Vereinsabend wieder stattfinden kann, steht also noch in den Sternen. Wenn er irgendwann mal wieder stattfinden kann, werden wir auch hier darüber informieren.

Vorerst bleibt unsere „neue Normalität“ deswegen, dass wir den Vereinsabend freitags ab 20 Uhr online auf unserer „Teamseite“ bei lichess durchführen.
Außerdem kann man für den Bezirk West (hier geht es zur Teamseite) immer donnerstags und sonntags in der Quarantäne-Liga auf lichess antreten (hier geht es zur Terminübersicht der lichess-Turniere).

Spannend ist zudem die Frage, wie es mit dem Ligenbetrieb weitergehen soll. Zumindest für die 2. Bundesliga wurde entschieden, dass die Saison einfach um ein Jahr verlängert wird (hier geht es zur offiziellen Meldung). Für die Landesverbände und die eigenständige Schachbundesliga gilt diese Bestimmung nicht direkt; sie hat aber sicher eine starke Signalwirkung. Falls diese Entscheidung 1 zu 1 in Schleswig-Holstein umgesetzt werden würde, würde das für uns wahrscheinlich bedeuten, dass die erste Mannschaft in den nächsten 12 Monaten nur 2 Spiele (die noch fehlende 8. und 9. Runde der Landesliga) haben würde und dass die zweite Mannschaft innerhalb dieser Zeit vielleicht gar kein Spiel machen würde. U.a. aus diesen Gründen wird diese Entscheidung bereits heftig diskutiert (z.B. von GM Hertneck oder der Seite perlenvombodensee). Wie auch immer – am 1.5. soll es eine Telefonkonferenz der Spielkommission des Schachverbands SH geben, danach wissen wir (hoffentlich) mehr.

Eine persönliche Einschätzung: Allgemein wird alles wohl von folgender Frage abhängen. Ab wann und unter welchen Voraussetzungen ist es aus juristischer, politischer, infektionsbiologischer und moralischer Sicht möglich den Spielbetrieb auf welche Weise wiederaufzunehmen? Ich möchte im Einzelnen nun die Aspekte aus meiner Sicht beleuchten.
Zum Zeitpunkt: Diskutierbare Zeitpunkte wären z.B. der Mai (wie es z.B. die Fußballbundesliga will; persönlich halte ich davon nichts), ab September bzw. irgendwann im Herbst (nach dem Ende der Sommerferien sollte es neue Richtlinien der Politik geben) oder erst im Mai 2021 (wenn es vielleicht einen Impfstoff gibt oder zumindest der Winter, die klassische Infektionszeit, vorbei ist). Sicher sind auch andere Termine denkbar.
Zu den Voraussetzungen: Vorstellbar wäre, dass man eine Quadratmeterzahl pro Spieler sowie eine Mindestraumhöhe definiert, dass man Zuschauer ausschließt (sollte nicht das Problem sein… ), dass Spieler eine Maske und Handschuhe tragen müssen, dass zwischen den Brettern die 1,5 Meter Abstand eingehalten werden müssen und dass das Spielmaterial vorher vom gastgebenden Verein desinfiziert wurde.
Juristisch gesehen ist es wichtig, dass Vereine oder Verbände das finanzielle Haftungsrisiko nicht tragen können (das würde nämlich wahrscheinlich ihr Ende bedeuten), wenn sich ein Spieler während eines Schachspiels infiziert.
Politisch gesehen ist es wichtig, dass die Entscheidungen und die Auflagen ins Gesamtbild der Politik passen und damit nachvollziebar / vermittelbar sind (dies trifft aus meiner Sicht auf die Fußballbundesliga aktuell nicht zu).
Infektionsbiologisch gesehen ist es wichtig, dass die Ansteckungsgefahr vom Robert-Koch-Institut als gering angesehen oder gar so gut wie ausgeschlossen wird. Dies trifft auf unseren Sport besonders zu, da viele Spieler auf Grund ihres Alters (oder auf Grund von Vorerkrankungen) zu einer Risikogruppe gehören.
Moralisch gesehen ist es wichtig, dass man sich fragen muss, ob man die Verantwortung tragen kann / will, wenn sich ein Spieler während eines Spiels infiziert. Dies ist aus meiner Sicht eben nur möglich, wenn man der politischen und infektionsbiologischen Ebene besonders Rechnung trägt. Nur wenn die Politik und das RKI die entsprechenden Signale senden, dass Veranstaltungen wie Schachpunktspiele durchführbar sind, sollte man das auch tun. Dann besteht zwar immer noch das (dann hoffentlich geringe) Restrisiko einer Infektion – mit dem Gedanken, dass man eine Infektion (auch mit anderen Krankheiten) nie ganz ausschließen kann, sollte dies moralisch dann aber tragbar sein. Dieser Gedanke mag zynisch wirken, ohne ihn dürfte man aber praktisch nie in die Öffentlichkeit, da immer die Gefahr besteht, dass man andere Menschen mit irgendeiner Krankheit (nicht nur Corona) infiziert.
Zuletzt zur Frage, wie man den Spielbetrieb wieder aufnehmen kann: Denkbar ist die Saison einfach bis zum Mai 2021 zu verlängern, wie es für die 2. Bundesliga beschlossen wurde. Auf Grund der wenigen Spiele halte ich das aber für sehr unattraktiv, sodass ich das nur als eine der letzten Notfalllösungen in Betracht ziehen würde. Persönlich hoffe ich, dass sich die Gesamtsituation bis zum Herbst soweit „normalisiert“ hat, dass man unter Auflagen den Spielbetrieb wieder aufnehmen kann. Die aktuelle Saison könnte man abbrechen (wie es der Handball tut). Dann hätte man die Möglichkeit, Auf- und Absteiger nach dem aktuellen Tabellenstand zu bestimmen (unfair gegenüber einigen Mannschaften) oder aber gar keine Auf- und Absteiger zu definieren (unfair gegenüber den Tabellenersten). Unter der Voraussetzung, dass ein Spielbetrieb möglich ist, könnte man die noch ausstehenden Runden aber auch an zwei Wochenenden z.B. im September nachholen und die neue Saison im Oktober oder November beginnen lassen. Wechselfristen müssten einmalig verlängert werden (diese Alternative würde ich aktuell vorziehen).
Ganz alternativ könnte man auch überlegen, den Ligenbetrieb ins Internet zu verlegen. Das würde aber eine Vielzahl neuer Probleme mit sich bringen: Ein Punktspiel wäre kein Mannschaftsspiel im eigentlichen Sinne mehr, sondern nur noch eine Summe von Einzelergebnissen. Viele Schachspieler (vor allem ältere Spieler) wären wahrscheinlich ausgeschlossen, weil sie nicht internetaffin sind und es auch nicht mehr werden (wollen). Schließlich wäre einem möglichen Betrug Tür und Tor geöffnet. Diese Alternative würde ich deshalb wirklich nur als ultima ratio in Erwägung ziehen, falls der Spielbetrieb für ein Jahr oder länger gänzlich auszufallen droht (dies hängt wieder von den oben genannten Aspekten ab). Dass der Spielbetrieb in irgendeiner Form (analog oder gar online) zumindest ab Herbst 2020 weitergehen sollte, halte ich für unabdingbar, da sonst andere online-Angebote Vereine und Verbände obsolet machen könnten, z.B. könnte die neu gegründete Quarantäne-Liga auf lichess den „realen“ Ligen den Rang ablaufen (persönlich würde ich noch nicht ganz so schwarz sehen, ich halte das aber für ein durchaus mögliches Szenario).
Schwerwiegende Entscheidungen stehen dem Landesverband also bevor, bei denen ich den Verantwortlichen alles Gute wünsche! Denn wie man auch entscheidet, es wird immer nur die Wahl des geringsten Übels sein.

Sören Koop

2 Gedanken zu „Zum Stand der Dinge

  1. Hallo Schachfreund Koop,
    das ist ein sehr informativer und logisch aufgebauter Beitrag.
    Aus meiner Sicht hat er auf Verbands-/Bezirksebene viele wichtige Punkte angesprochen, die ich gerne in meine Beurteilung der Lage im Kölner Schachverband einfließen lasse.
    Vielen Dank für die Anregungen und Gedanken.
    Viele Grüße und bleiben Sie gesund.
    Andreas Gerdau
    (Vorsitzender Kölner Schachverband von 1920. e. V.)

  2. Lieber Sören, das ist eine ausgezeichnete Erörterung des Problems. Ich möchte sie mal um folgendes Gleichnis ergänzen. Man stelle sich einen Höhlenmenschen vor, der, um zu jagen, seine Höhle verlassen möchte. Aber vor der Höhle streift ein Säbelzahntiger durch die Gegend. Um sich nicht der Gefahr eines ungleichen Kampfes auszusetzen, bleibt der Höhlenmensch in der Sicherheit seiner Behausung. Doch was passiert, wenn der Tiger nicht verschwindet?
    Irgendwann treibt der Hunger den Höhlenmenschen hinaus, weil er sonst verhungert. Und so wird es auch uns ergehen. Unabhängig von seinem Erfolg muss der lock- down irgendwann aufgehoben werden, denn sonst sind die Schäden, die er verursacht, größer als die Gefahrenabwehr. Und wenn’s rechtlich gestattet ist, den Spielabend wieder aufzunehmen, sollten wir es tun. Denn die Teilnahme ist ja schließlich freiwillig.
    Einen schönen Abend noch und bleibt gesund!
    Jens Wulf von Moers

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