Betrug oder Nicht-Betrug, das ist hier die Frage – die Causa Magnus Carlsen vs. Hans Niemann

Nachträgliche Vorbemerkung vom 30.09.: Da dieser hochaktuelle Fall nun schon fast täglich neue Wendungen nimmt und voraussichtlich noch nehmen wird, wird dieser Eintrag laufend fortgesetzt und aktualisiert (zuletzt am 01.10.), wodurch er nun auch schon Überlänge erreicht hat (vielleicht muss ich irgendwann noch eine Zusammenfassung von der Zusammenfassung schreiben…). Um der Tragweite des Falles gerecht zu werden, wurde der erste, etwas provokant humoristische Titel dieses Beitrags („Morsezeichen im Mors??“) durch einen seriöseren (und dramatischeren) Titel ersetzt. Nun aber zum eigentlichen Artikel, der erstmals am 23.09. veröffentlicht wurde:

Die Schachwelt ist aktuell wie seit langem nicht mehr von einem Skandal erschüttert, der auch in Nicht-Schachmedien thematisiert wird (Bild, Zeit, Spiegel, FAZ, Forbes, The Guardian, Wallstreet Journal, New York Times, um nur einige zu nennen; auch einen Wikipedia-Eintrag gibt es schon) – und selbst Elon Musk hat den Vorfall kommentiert. Aus diesem Grund soll hier ein Überblick gegeben werden, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

Was ist passiert und sicher bekannt? Während des Sinquefield-Cups spielt Weltmeister Magnus Carlsen gegen Newcomer Hans Moke Niemann und verliert (Partie). Einen Tag später zieht er sich vom Turnier zurück und twittert ein Video von Jose Mourinho (sinngemäß er könne nicht reden, da er sonst Probleme bekomme). Einhellig wird dies so interpretiert, dass er Niemann indirekt Betrug vorwerfe, aber keine handfesten Beweise habe – diesen Vorwurf kann man inzwischen auch als Tatsache ansehen, da Carlsen sonst die Gerüchte in diese Richtung gestoppt hätte. In der Folge muss Niemann einen Shitstorm über sich ergehen lassen und es scheinen auch Indizien gegen ihn zu sprechen (so musste er u.a. zugeben, schon zweimal online betrogen zu haben). Doch es fehlen Beweise für die konkrete Partie und auch Carlsen wird daher für sein Verhalten kritisiert. Niemann verteidigt sich bald darauf auch wortreich und emotional in einem Interview. Ist Carlsen also ein schlechter Verlierer oder Niemann ein Betrüger (oder trifft sogar beides zu)? Das Thema hat Sprengstoffpotential und berührt einige Grundsatzfragen, sodass auch Nicht-Schachseiten berichten (die Bild hat dabei natürlich die absurdeste Theorie aufgegriffen, wonach über vibrierende Analperlen quasi per Mors-Morsezeichen Züge vorgesagt werden könnten); einen eigenen Eindruck über die bisherigen Ereignisse kann man sich bei chessbase im Videoüberblick machen. Im Laufe der letzten Woche folgte dann des Dramas zweiter Teil: Niemann und Carlsen trafen während eines online-Turniers aufeinander, Carlsen machte einen Zug und gab auf. Mit dieser Boykottaktion hat er weiteres Öl ins Feuer gegossen und man kann die weiteren Entwicklungen dieses Falles mit Spannung erwarten (Bericht bei chessbase).

Warum schlägt dieser Fall nun so hohe Wellen, wo liegt seine Bedeutung? Zunächst einmal ist festzustellen, dass der Fall Aufmerksamkeit erregt, da der prominenteste Schachspieler, der aktuelle Weltmeister involviert ist (auf Amateurebene würde der Fall kaum jemanden interessieren); aber auch Niemann, der zuweilen arrogant und eigenbrötlerisch wirkende, jugendliche Newcomer bietet mediales Potential. Die eigentliche Bedeutung des Falles liegt aber in seinen Grundsatzfragen und Dilemmata, die der Fall aufwirft:

  • Grundsätzlich muss es darum gehen, Betrug zu verhindern, da dies bei der Stärke der heutigen Schachprogramme gleichbedeutend mit einem Sieg und damit Prestige und Preisgeld ist. Nun gibt es aber auch auf Grund des technischen Fortschritts eine Vielzahl an kreativen, denkbaren wie undenkbaren Betrugsmöglichkeiten (Analperlen…), die sehr schwer oder auch gar nicht zu beweisen sind. Es stellt sich also die Frage, ob man einen Spieler nur auf Grund von Indizien des Betrugs anklagen (und verurteilen) darf bzw. ob manche Indizien schon so stark sind, dass sie als Beweis gezählt werden können – was aber wiederum das Prinzip der Unschuldsvermutung heftig erschüttern würde.
  • Ebenfalls stellt sich die Frage, wie weit man gehen will, um Betrug zu verhindern – um z.B. Analperlen zu finden, müsste man ja den betreffenden Körperteil untersuchen, was ein erheblicher Eingriff in die Persönlichkeitsrechte eines jeden Spielers wäre.
  • Nicht leichter wird der Fall, wenn man bedenkt, was jeweils auf dem Spiel steht. Einerseits wäre es absolut unbefriedigend, einen Betrüger ungestraft gewähren zu lassen, dies würde wahrscheinlich auch Nachahmer anziehen, sodass die Gefahr besteht, dass der ganze Schachsport korrumpiert wird – andererseits besteht ebenso die Gefahr das Leben eines (in diesem Fall noch jungen) Menschen zu ruinieren und ihn ungerechtfertigt als Betrüger zu brandmarken.

Wie ist nun dieser Fall zu bewerten? Im Folgenden will ich nun die aus meiner Sicht stärksten bzw. wichtigsten Argumente für und gegen die These, dass Niemann ein Betrüger ist, vorstellen. Dabei müsste eigentlich zwischen den zwei verschiedenen Fragen „Hat Niemann in der konkreten Partie gegen Carlsen betrogen? Und: Ist Niemann generell ein Betrüger am Schachbrett (unabhängig von der Partie)?“ differenziert werden. Beide Fragen hängen aber eng miteinander zusammen, sodass sie hier in der Argumentation nicht immer trennscharf von einander getrennt erörtert werden. Auch könnte das Verhalten von Magnus Carlsen diskutiert werden, was ich hier aber nicht tun werde, da diese Bewertung für mich mehr oder weniger direkt mit der Bewertung von Niemann zusammenhängt (wenn Niemann ein Betrüger sein sollte, wäre es ein starkes Zeichen; wenn Niemann unschuldig sein sollte, wäre es eine Unsportlichkeit und Rufschädigung).

  • Für Niemann spricht, dass er in der konkreten Partie gegen Carlsen zwar stark gespielt hat, die Partie aber nicht den Eindruck von einer Computerpartie gemacht hat (bei einem starken Spieler darf man eben auch starke Partien erwarten, es gab auch laut Stockfish 2 Fehler in Niemanns Spiel). Auch lagen und liegen den Schiedsrichtern und Turnierorganisatoren keinerlei Hinweise auf Betrug vor.
  • Allerdings kann man darauf auch einwenden, dass es für einen starken Spieler gar nicht notwendig ist, die ganze Partie über Computerzüge zu spielen (das könnte man ja auch relativ leicht „beweisen“ – wobei sich selbst in so einem klaren Fall die Gretchenfrage stellt, inwieweit man Stochastik als juristischen Beweis verwenden darf); gelegentliche „Tipps“ in entscheidenden Stellungen reichen ab einem gewissen Level wahrscheinlich schon aus; auch könnte man mit Absicht gelegentlich kleine Ungenauigkeiten und Fehler einbauen, sodass der Betrug nur sehr schwer oder gar nicht und nur in flagranti einwandfrei bewiesen werden könnte.
  • Gegen das vorherige Argument lässt sich aber paradoxerweise einwenden, dass es nicht widerlegt werden kann. Infolgedessen müsste bzw. könnte eigentlich jeder Spieler unter Betrugsverdacht gestellt werden. Hinzu kommt: Ist so ein Verdacht (ohne juristische Beweise) geäußert, so ist der betroffene Spieler praktisch genötigt, seine Unschuld zu beweisen, um nicht einem Shitstorm ausgesetzt zu sein. Das wäre aber eine inakzeptable Umkehrung des Prinzips der Beweislast, die ja beim Ankläger liegt.
  • Es gibt Statistiken bzw. Statistiker, die für Niemann und gegen Niemann sprechen; ich bin zu wenig Mathematiker, um die Aussagekraft dieser zu beurteilen, außerdem sollte man bekanntermaßen auch nur der Statistik trauen, die man selbst gefälscht hat. Die Statistiken betreffen weniger die konkrete Partie Carlsen-Niemann als den Schachspieler Niemann und seine gesamte Karriere.
  • Niemann hat bereits (mindestens) zweimal online betrogen. Allerdings liegt das bereits einige Jahre zurück (er war 12 und 16) und außerdem hat er es zugegeben und als den größten Fehler seines Lebens bezeichnet (siehe Video von chessbase oben).
  • Chess.com wiederum hat aber in einem offiziellen Statement mitgeteilt, dass Niemanns Darstellung nicht korrekt gewesen sei (er also häufiger als „nur“ zweimal online betrogen habe, sodass er in dem Interview gelogen hätte) und dass es Beweise gebe („We have shared detailed evidence with him concerning our decision, including information that contradicts his statements regarding the amount and seriousness of his cheating on Chess.com„), diese Beweise wiederum wurden bisher aber nicht veröffentlicht (aus Datenschutzgründen?), sodass die Aussage von chess.com höchstens als Indiz gewertet werden kann. Außerdem hat diese Frage ebenso wie die Statistiken mit der Partie Carlsen-Niemann nur indirekt zu tun.
  • Niemanns emotionale Verteidigung in dem oben genannten Video bei chessbase wirkte auf mich überzeugend [nachträgiche Anmerkung vom 1.10: nach Ansicht dieses Videos zur Analyse der Körpersprache bin ich nunmehr das Gegenteil von überzeugt], andererseits kann ich nicht glauben, dass Carlsen diesen Weg, der ja auch ihm einiges an Kritik einbringt, grundlos geht. Beides sind aber keine echten Argumente, sondern nur Eindrücke.

Fazit: Es steht viel auf dem Spiel und ich habe hochgradig keine Ahnung, was „die Wahrheit“ ist. Wie sehr ich aber auch unsicher bin, was „die Wahrheit“ ist, so sicher bin ich mir in der juristischen Bewertung: In dubio pro reo – solange keine Beweise vorliegen, muss Hans Niemann als unschuldig gelten; und auch sonst scheinen mir die Argumente in dem konkreten Fall der Partie gegen Magnus Carlsen in diese Richtung zu zeigen (die Betrugstheorie „Analperlen“ halte ich überdies für absolut absurd). Die zweite Frage, ob Niemann allgemein beim Schach betrügt (mehr als „nur“ die zwei zugegeben Male, aber auch nicht unbedingt in jeder Partie und in jedem Zug), ist eine andere Frage, über die ich mir mit den mir vorliegenden Informationen kein Urteil erlaube – juristisch muss aber auch hier der Grundsatz in dubio pro reo gelten.

Das letzte Wort ist in diesem Fall aber anzunehmenderweise noch lange nicht gesprochen und man darf gespannt sein, wie sich der Fall weiter entwickelt; ich hoffe (wie wahrscheinlich die ganze Schachwelt) auf eine klare Klärung, fürchte aber, dass es diese nicht geben wird (sonst hätte es sie wahrscheinlich schon gegeben).

Sören Koop

Nachtrag vom 25.09: Inzwischen hat die Fide Stellung bezogen. Und auch Magnus Carlsen hat sich wieder andeutungsweise geäußert, vielleicht wird er in den kommenden Tagen konkreter (Hintergrundbericht bei den Perlen vom Bodensee). Substantielle neue Informationen gibt es aber nicht. Und bei zeit.de hat Ulrich Stock auch eine lesenswerte Zusammenfassung geschrieben (bei der Abfassung dieses Eintrages kannte ich den einen Tag vorher veröffentlichten Artikel von Ulrich Stock noch nicht, bei dem von mir verwendeten norddeutschen Wortspiel handelt es sich also um keine billige intellekturelle Raubkopie meinerseits).

Nachtrag vom 28.09: Nun hat sich vorgestern auch Magnus Carlsen zu Wort gemeldet. Entscheidend ist folgender Satz „I believe that Niemann has cheated more – and more recently – than he has publicly admitted„, mit dem er Niemann mehr oder weniger Betrug vorwirft – auch wenn er es abgeschwächt als seine Meinung und nicht als Fakt darstellt. Niemanns Spielstärkefortschritt sei ungewöhnlich und er (Carlsen) habe den Eindruck gehabt, dass sich Niemann in kritischen Stellungen in der Partie nicht einmal voll konzentriert hätte, während Niemann ihn ausgespielt habe. Er (Carlsen) habe deshalb beschlossen, nicht mehr gegen Spieler zu spielen, die in der Vergangenheit betrogen hätten. Er würde gerne mehr sagen, dürfe dies aber nicht ohne Niemanns Einverständnis. Man darf gespannt sein, was dieses „mehr“ ist und ob Niemann sein Einverständnis gibt, denn bei der bisherigen Begründung finden sich „nur“ subjektive Empfindungen.

Deutlich „objektiver“ und aus meiner Sicht belastender erscheint hingegen folgende Analyse (hier der Link zur Datengrundlage): Demnach habe Niemann in den letzten drei Jahren zehn Partien gespielt, bei denen seine Züge zu 100% den Computerzügen entsprechen (und das nicht nur in kurzen, möglicherweise vorbereiteten Partien, eine Partie hatte z.B. 45 Züge), und auch sonst habe er relativ viele Partien mit hoher Computer-Übereinstimmung gespielt (23x über 90%); die Durchschnittswerte seiner Partien für ein Turnier schwanken allerdings zwischen „nur“ 44% und 78%. Zur Einordnung: Sebastian Feller, ein von der Fide verurteilter Betrüger am Brett, soll in einer Partie laut der Analyse einmal 98% erzielt haben, wohingegen die Weltmeister Bobby Fischer, Magnus Carlsen und Garry Kasparov zu ihren besten Zeiten laut der obigen Analyse im Durchschnitt um die 70% erreicht haben sollen, wobei in einzelnen Partien natürlich auch höhere Werte erreicht werden. In der betreffenden Partie zwischen Carlsen und Niemann erreichte Carlsen laut Analyse nur 43%, während Niemann 71% erreicht habe (siehe Ende dieses Videos). Wie sind diese Befunde einzuordnen – unter der Annahme, dass die Analyseergebnisse korrekt sind (mir fehlt die Zeit, diese zu überprüfen)? Spielstärkeschwankungen sind aus meiner Sicht normal und damit sind die Durchschnittswerte einzelner Turniere (bis hin zu 78%) zwar äußerst bemerkenswert, vielleicht auch z.T. verdächtig, aber für mich noch kein hinreichender „Beweis“. Aber: In 10 Partien eine Übereinstimmung von 100% (sofern die Analyse korrekt ist) ist für mich ein Ereignis mit einer unglaublich unwahrscheinlichen Wahrscheinlichkeit…

Fazit: Auf die Frage, ob Niemann in der konkreten Partie gegen Carlsen betrogen hat, reichen mir die hohen 71% nicht als Beweis, auch wenn der Wert bemerkenswert ist. Auf die Frage, ob Niemann allgemein häufiger als nur die beiden zugegebenen Male und auch im analogen Schach betrogen hat (aber nicht unbedingt jeden Zug und jede Partie), sind die Analyseergebnisse – so sie denn korrekt sind – für Niemann aus meiner Sicht sehr ungünstig. Für die (moralische und juristische) Beurteilung des Falles wird aus meiner Sicht immer deutlicher, dass die entscheidende Frage ist, inwieweit man Wahrscheinlichkeiten als „Beweis“ akzeptiert (und auf welcher Datenbasis die Wahrscheinlichkeiten ermittelt werden). Durch die Digitalisierung und die Entwicklung der KI sicher auch eine gesellschaftlich relevante Frage. Aktuell tendiere ich dazu, dass ab sehr hohen, noch genauer zu definierenden Grenzwerten diese als Beweis akzeptiert werden sollten – auch wenn ich immer noch Bauchschmerzen habe, dass auch bei erdrückenden Wahrscheinlichkeiten trotzdem nie gänzlich ausgeschlossen werden kann, dass ein Unschuldiger verurteilt werden könnte (vielleicht liegen meine Bauchschmerzen aber auch nur daran, dass das menschliche Gehirn nicht dazu gemacht ist, in Wahrscheinlichkeiten zu denken, siehe dazu das Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahnemann).

Nachtrag vom 30.09: Die Fairplay-Kommission der Fide hat angekündigt ein Untersuchungsgremium von drei Personen zur Causa Carlsen vs. Niemann zu bilden. Bei der Untersuchung, zu der auch externe Experten hinzugezogen werden können, sollen einerseits die Vorwürfe Carlsens und andererseits die Aussagen Niemanns zum Online-Cheating (ob er tatsächlich „nur“ die zwei zugegebenen Male betrogen hat) geprüft werden. Ich persönlich bin schon jetzt sehr auf die Ergebnisse gespannt, die diese Untersuchung zu Tage bringen wird, werde mich aber auf Grund der Tragweite dieses Falles wahrscheinlich noch etwas in Geduld üben müssen – ein (vor)schnelles Urteil erwarte ich nämlich nicht.

Spannend wird auch die Frage, inwieweit chess.com und lichess.org einbezogen werden und ihre Anti-Cheating-Algorithmen offenlegen; diese werden nämlich wie ein Staatsgeheimnis gehütet, damit Cheater ihre Betrugsmethoden nicht den Algorithmen anpassen können. Dies hat chess.com in einem aufschlussreichen Artikel bereits 2020 erklärt. „Interessant“ (oder auch ernüchternd, schockierend, traurigmachend, wuterregend) sind dabei folgende von chess.com ebenfalls in dem Bericht veröffentlichte Zahlen zum Online-Betrug allgemein: Demnach habe chess.com im Sommer 2020 jeden Tag durchschnittlich mehr als 500 Benutzerkonten wegen Cheating geschlossen, im Zeitraum von 2007-2020 seien es schon nahezu 500.000 gewesen, unter den Betrügern gebe es schon fast 400 Titelträger (davon 46 Großmeister, einige davon auch in den Top 100 der Welt), chess.com investiere jedes Jahr einige 100.000 Dollar in die Bekämpfung von Cheating und unterhalte ein 16-köpfiges Fairplayteam (auch das ist wahrscheinlich ein Grund, die teuer erworbenen Kenntnisse der Fide nicht einfach kostenlos zur Verfügung zu stellen) – und das war der Stand von 2020; seitdem ist das Online-Schach auf Grund der Corona-Pandemie noch einmal stark gewachsen, sodass auch diese Zahlen anzunehmenderweise gewachsen sein dürften. Berücksichtigt man dann noch, dass es eine Dunkelziffer gibt, dann erscheint das düstere Fazit von chess.com leider nicht übertrieben: Jeder Schachspieler kenne wahrscheinlich unwissentlich jemanden, der schon einmal im (Online-)Schach betrogen hat. Um jetzt aber nicht zu pessimistisch zu wirken, was leicht passieren kann, wenn man sich nur auf einen negativen Aspekt konzentriert: Im analogen Schach habe ich noch nie, das Gefühl gehabt, betrogen worden zu sein; online zwar schon hin und wieder, aber meist habe ich kurz darauf auch eine Mitteilung von lichess erhalten, wonach ich gegen einen Cheater verloren hätte. Insgesamt ist der Schachsport aus meiner Sicht also nicht durch und durch korrupt, sondern ganz überwiegend sauber – trotzdem sollte man das Betrugsthema nicht auf die leichte Schulter nehmen, damit nicht eine Minderheit (zumindest hoffe und denke ich, dass es eine Minderheit ist) von Betrügern der Mehrheit das Schachspiel vergällen kann. Wie auch immer man nun zu Carlsens Boykott-Verhalten steht, so muss man ihm doch das Verdienst zusprechen, dass das Thema nun die notwendige Aufmerksamkeit erhält.

Die Fehlerquote von chess.com liege nach eigener Einschätzung übrigens bei 0,03% (1 Spieler von 3.333 werde fälschlicherweise wegen Cheating gesperrt; die Sperre werde zurückgenommen, wenn der Spieler seine Unschuld beweisen könne); dies wird auch sicher ein Hauptgrund dafür sein, dass chess.com keine Namen von Cheatern veröffentlicht, um evtl. Unschuldigen zumindest den Pranger zu ersparen (dass der Name von Hans Niemann öffentlich wurde, kam durch externe Recherchen heraus). Rein statistisch betrachtet stimme ich chess.com hier nun zu, dass dies ein ziemlich optimales Verhältnis eines zweiseitigen Signifikanztests ist: Würde man durch weniger strenge Algorithmen die Fehlerquote auf 0 unschuldig verurteilte Spieler setzen, würden deutlich mehr Betrüger unerkannt bleiben; würde man versuchen, über strengere Algorithmen mehr Betrüger herauszufiltern, würde man auch gleichzeitig mehr unschuldige Spieler fälschlicherweise beschuldigen. Juristisch und moralisch habe ich allerdings immer noch Bauchschmerzen, dass auch unschuldige Spieler fälschlicherweise durch Algorithmen beschuldigt werden können und dann gezwungen sind, ihre Unschuld zu beweisen (auch wenn der Fall mit 0,03% sehr unwahrscheinlich ist). Womöglich ist das aber der Preis, den wir als Gesellschaft in einer digitalisierten Welt zu zahlen haben, wenn man verhindern will, dass Betrug Überhand nimmt. Ceterum censeo: Die entscheidende Frage ist, inwieweit man Wahrscheinlichkeiten als „Beweis“ akzeptiert (und auf welcher Datenbasis die Wahrscheinlichkeiten ermittelt werden).

Nachtrag vom 01.10.: Je mehr man sich mit dem Fall beschäftigt, umso interessanter wird er, da sich auch immer mehr Experten aus anderen Wissenschaften (nicht Schach) zu Wort melden. Auf Youtube haben sich nun auch vier Spezialisten für Körpersprache des Falles angenommen (das Video ist auf Englisch und mit 2 Stunden sehr lang, aber auch sehr sehenswert), ihre wichtigsten Einsichten sind zusammengefasst folgende (viele interessante Details lasse ich aus):

  • In dem Interview, in dem sich Hans Niemann verteidigt, stehe er unter starkem Stress und fühle sich bedroht (verschlossene Armhaltung, kaum ein Satz werde vollständig beendet) – dies könnte aber auch die Reaktion eines Unschuldigen auf den Druck und die Umstände sein.
  • In dem gesamten Interview habe Niemann nicht einmal den Vorwurf des Betrugs klar und deutlich verneint, stattdessen weiche er dem Kern der Frage aus.
  • Er spreche häufiger über „die Wahrheit“ oder auch „meine Wahrheit“. Dies sei ein typisches Zeichen für eine Lüge. Hinzu komme, dass er eher unemotional sei, wenn er über diese „Wahrheit“ spreche, während er vorher emotional und zornig gewesen sei, als er darüber gesprochen habe, wie ungerecht er sich behandelt fühle; auch diese Inkonsistenz sei ein Zeichen für eine Lüge.
  • Das Fazit der Experten: 3 sind auf Grund der Körpersprache und den Inkonsistenzen in dem Interview der Meinung, Niemann habe in der konkreten Partie gegen Carlsen betrogen, 1 ist nicht der Meinung; alle 4 sind sich aber in der Meinung einig, dass Niemann häufiger als „nur“ zweimal online betrogen habe – auch im analogen Schach.
  • Ergänzen kann man hier auch ein weiteres Video eines anderen Experten, der sich neben der Körpersprache auch stärker der inhaltlichen Inkonsistenzen annimmt, die auch auf Lügen hinweisen würden.

Die Experten haben aber auch betont, dass es „nur“ ihre Meinung sei und die Analyse der Körpersprache kein Beweis sei, sondern nur Indizien liefere. Neben der Stochastik kommen mit der Körpersprache nun also weitere Indizien hinzu, sodass – ceterum censeodie entscheidende Frage ist, inwieweit man Wahrscheinlichkeiten aus verschiedenen Wissenschaften als „Beweis“ akzeptiert (und auf welcher Datenbasis die Wahrscheinlichkeiten ermittelt werden). Dass dies juristisch (zumindest nach deutschem Recht) eigentlich möglich sein müsste, zeigt sich für mich an der juristischen Formel „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ (≥ 99,8 %), wobei diese Formel juristisch offenbar bei Unterlassungen (z.B. unterlassene Hilfeleistung, hier muss man erwägen, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Hilfe eine positive Veränderung gebracht hätte) verwendet wird und damit juristisch vielleicht nicht auf diesen Fall anwendbar ist (um das zu beurteilen, bin ich zu wenig Jurist).

Nachtrag vom 05.10.: Gestern hat chess.com seine Untersuchung zu dem Fall veröffentlicht – 72 Seiten. Ich bin noch nicht dazu gekommen, diese zu lesen, und werde dazu wohl auch einige Zeit brauchen. Ich verweise deshalb auch auf die Zusammenfassung bei chessbase. Die wichtigsten Aspekte des Berichts sind demnach folgende:

  • Niemann habe in über 100 online-Partien gecheated! Damit hätte er auch in seinem Verteidigungsinterview gelogen, was seine Glaubwürdigkeit deutlich untergräbt.
  • Einen Beweis für Betrug am analogen Brett oder gar in der Partie gegen Magnus Carlsen könne chess.com hingegen nicht liefern, da die Algorithmen und die Software dafür nicht ausgelegt seien.
  • Es gebe aber auch am analogen Brett einiges Bemerkenswertes:
    • So sei Niemann der Spieler mit dem größten Spielstärkezuwachs als Teenager der Weltgeschichte.
    • Sein Eloanstieg von 2500 bis hin zu 2700 sei der steilste in der Weltgeschichte.
    • Dabei habe er von allen talentierten Topspielern den GM-Titel am spätesten (mit 17) erhalten.
    • Seine Analysen nach den Partien seien bizarr, da er kaum korrekte Varianten angeben könne.
    • Laut Magnus Carlsen zeige er auch keine Anstrengung am Brett.
  • Chess.com ist bereit mit der Fide-Untersuchungskommission zu kooperieren.

Man darf gespannt sein, zu welchem Ergebnis diese Kommission kommt und welche weiteren Wellen diese veröffentlichte Analyse von chess.com zieht. Es bleibt das Dilemma, dass es trotz sich verdichtender Indizien keinen konkreten Beweis gibt (Niemann könnte rein theoretisch ja auch der talentierste Spieler der Weltgeschichte sein, der „nur“ online betrogen hat… – wobei man sich dann schon fragen müsste, warum er das als solcher dann überhaupt nötig hätte). Ein relativ beruhigender Wert soll am Ende dieses Nachtrages aber nicht unerwähnt bleiben: Laut chess.com würden „nur“ in 0,15% aller Spiele Betrug vorkommen (also in 15 Partien von 10.000).