Der glorreiche Schachspieler

Auf einem großen Schach-Open unterhalten sich die Schachspieler Magnus Maximus (nachfolgend mit M. abgekürzt) und Elo Eiferer (nachfolgend mit E. abgekürzt) zwischen den Runden.

M.: „Sorge er [an E. gerichtet] nur dafür, dass der Glanz unseres Schachbrettes gar den Sonnenschein am strahlend blauen Himmel überstrahle, würdig unserer Armee, die nur darauf wartet, unseren nächsten Gegner ungespitzt in den Boden zu rammen.“

E.: „Ja, so soll es geschehen. Oh Ruhmreicher, dessen schachliches Können Caissa selbst beschämt und in den Schatten stellt.“

M.: „Sagt, wann habt Ihr die erste Kostprobe meines Könnens erhalten? War es, als ich die Schlacht gegen GM Чёрт Возъми zum Siege führte?“

E.: „Ja, so war es. Dessen arme Armee habt Ihr zerstreut wie der Herbstwind die Blätter.“

M.: „Und dabei war das noch gar nichts, sondern nur eine unserer leichtesten Aufwärmübungen.“

E.: „Nichts, fürwahr – [murmelt zu sich selbst] im Vergleich zu dem, was du auch sonst nie getan hast. Einen größeren Schaumschläger habe ich nie gesehen. Und doch biedere ich mich ihm an, denn so fällt vielleicht etwas an Ruhm seiner höheren Elo auch auf mich ab. [Die Elo von M. ist etwa 500 Punkte höher als die von E.]“

M.: „Was murmelt er da?“

E.: „Ich erinnerte mich nur daran, wie Ihr vor kurzem euren Namensvetter, euer kläglich-schwaches Abbild GM Magnus C. in 40 Zügen zerschmettert habt.“

M.: „In 40?“

E.: „Ach nein, ich meinte in 20.“

M.: „Und das, obwohl wir Schwarz und eine Dame als Vorgabe gegeben hatten.“

E.: „Bei Caissa, ja! Ansonsten wäre es wohl schon ein Sieg in 10 Zügen gewesen.“

M.: „Ja, so war es. Doch genug davon, die nächste Runde steht an. Wo ist denn…?“

E.: „Euer Stift, eure Unterlagen, sie sind hier.“

M.: „Fein gemacht. Immer weiß er, was unser Begehr. Ein solcher Diener steht einem Gott – nein, einem Titan wie uns auch zu.“

E.: „[zu sich] Täglich muss ich diesen Sänger ertragen, nur in der Hoffnung darauf, dass auch ich etwas Anerkennung erhalte, damit ich mein geringes Selbstwertgefühl aufbessern kann… [laut] Fürwahr, ich möchte noch hinzufügen, dass die Titanen selbst in ihrer nichtigen Mickrigkeit sich unter dem Schatten eurer Größe verstecken könnten. Ich erinnere mich noch, wie Ihr in Wijk 20 Großmeister in einer Simultanveranstaltung besiegt habt und in Linares waren es gar 30 und in Dortmund sogar 40.“

M.: „Wie viele waren es in Summe?“

E.: „300.“

M.: „Das stimmt. Wahrlich, mit uns allein hätte der Perserkönig Sparta erobern können.“

E.: „Und nochmal 100 wären es in Moskau gewesen, wenn Ihr nicht einem Großmeister das Remis geschenkt hättet (so waren es nur 99).“

M.: „Unsere Spielstärke wird eben nur von unserem Großmut und unserer Bescheidenheit übertroffen. Weil wir Mitleid für das recht passable Spiel dieses Anfängers G. Asparov empfanden, entschlossen wir uns zu diesem Akt der Barmherzigkeit.“

E.: „Die ganze Welt weiß es schon: Im Vergleich zu Magnus Maximus sind alle anderen Schachspieler Schwachspieler. Die Zahl eurer Siege übertrifft selbst die legendenhafte Anzahl der Reiskörner auf dem Schachbrett. Und wie sich die heilige Helligkeit der weißen von den schwarzen Figuren abhebt, so überstrahlt auch eure Schönheit und euer Charisma die mickrige Nichtigkeit eurer Gegner. Das ist auch der Grund, warum euer Brett immer von einer Traube der schönsten Frauen umgeben ist, die euch Himmlischen anhimmeln und die euch für den adorabelsten Adonis halten.“

M.: „Wie recht Ihr habt. Es ist manchmal aber auch eine Last, so schön zu sein. Wenn unsere Gedanken nicht immer wieder von unseren Verehrerinnen abgelenkt wären, würden wir gar noch besser spielen.“

E.: „Eure Spielstärke wäre dann sicher nicht nur mit 4000, sondern gar mit 5000 Elo gleichzusetzen.“

M.: „Und gleich ist es wieder an der Zeit, diese unsere Spielstärke unter Beweis zu stellen. Welcher Unglückliche ist denn diese Runde unser Gegner? [guckt auf die Rundenpaarung] Ah, hier steht es: Brett 64 gegen Nummer 0815 der Setzliste. Nun denn, sequimini satellites [folgt mir, meine Begleiter]!“ [geht ab]

Kommentar:

Der oben dargestellte Dialog ist eine Adaption des Eingangsdialogs aus dem Theaterstück Miles Gloriosus (der glorreiche Soldat) des römischen Komödienschreibers Plautus (ca. 200 v. Chr.). Die Hauptfigur in dieser Komödie ist der Soldat Pyrgopolynices (Vielfachburgenbezwinger), dessen Narzissmus genauso groß wie seine Inkompetenz ist. Die Komik entsteht dabei aus der Diskrepanz des Selbstbildes und der Realität. Begleitet wird er von dem Schleimer Artotrogus (Brockenschnapper), der sich eine kostenlose Mahlzeit von seinen Schmeicheleien erhofft. Diese beiden Typen, der narzisstische und gleichzeitig inkompetente Wichtigtuer sowie der opportunistische Heuchler, sind zeitlose Figuren der Literatur- sowie leider auch der allzu realen Weltgeschichte…

In der Komödie des Plautus unterhalten sich nun beide Figuren in der ersten Szene des ersten Aktes und die Prahlereien des Soldatenhauptmannes werden dabei höchstens noch von der Schleimerei und Heuchelei des Artotrogus übertroffen. Diese Szene ist es (die weitere Handlung der Komödie spielt hier jetzt keine Rolle), die ich auf die Welt der Schachspieler übertragen habe[1]. Dabei habe ich versucht, folgende Spielertypen zu karikieren:

  • den selbstverliebten Schachspieler, der nur durch Pech verliert und sonst schon längst Großmeister wäre,
  • und den Schachspieler, der allzu sehr auf Wertungszahlen fixiert ist und aus diesen gar sein (geringes) Selbstwertgefühl ziehen muss.

Das soll dabei keine Abrechnung mit den Anhängern des Schachspiels sein, sondern vielmehr eine selbstironische Hommage eines begeisterten Schachspielers.

Wenn man meine Adaption mit dem plautinischen Original vergleicht, wird man feststellen, dass meine Eigenleistung eigentlich nur darin besteht, die Übertreibungen in die Welt der Schachspieler zu „übersetzen“[2]. Mein Ziel war es auch weniger, etwas Eigenes zu schaffen, sondern vielmehr Plautus hoffentlich unterhaltsam zu „übersetzen“ (Schach und Latein sind für mich Passion und Profession, sodass es nahelag, diese hier zu verbinden). Einige gewisse „Spuren von Antike“, die beim Leser hoffentlich nicht zu allergischen Reaktionen auf Grund von schlechten Erfahrungen im Lateinunterricht der eigenen Schulzeit führen, habe ich dabei ganz bewusst meiner „Übersetzung“ beigemischt:

  • den Namen Magnus Maximus (Übersetzung: „der größte Große“),
  • Caissa[3],
  • die Titanen,
  • die 300 Spartiaten (wobei hier eine Antiken-Rezeption rezipiert wird; der Film 300 nimmt es mit der historischen Genauigkeit nicht so genau),
  • Barmherzigkeit (eine christlich-antike Tugend),
  • Adonis,
  • das Plautus-Zitat sequimini satellites (Übersetzung: folgt mir, meine Begleiter)[4]
  • und einen rhetorisch geschwollenen Sprachstil beider Akteure[5], der aber auch zu dem aufgeblasenen Selbstbild des Magnus Maximus passt (nur die zu sich selbst gesprochenen Passagen von E. sind in einem normalen Sprachstil geschrieben).

Für mehr Hintergrundinformationen zu Plautus und dem Theaterstück Miles Gloriosus verweise ich jetzt unwissenschaftlich auf Wikipedia[6] (die Links wurden zuletzt am 29. März 2021 aufgerufen):

Den originallateinischen Text und eine Übersetzung der adaptierten Szene findet man unter (der Link wurde ebenfalls zuletzt am 29. März 2021 aufgerufen):

Ein paar letzte Erläuterungen zu den Namen: Der russische GM Чёрт Возъми existiert natürlich nicht, laut meinem Online-Russischwörterbuch kann man diesen Namen mit Donnerwetter, Zum Kuckuk, Alter Schwede, Holla die Waldfee übersetzen. In Anbetracht mangelnder Russischkenntnisse meinerseits vertraue ich jetzt auf das Wörterbuch. G. Asparov ist natürlich eine Anspielung auf Garry Kasparov. Da er leider seine Schachkarriere beendet hat, habe ich mich für einen fiktiven Namensvetter entschieden. Einzig ein „großer“, namentlich erwähnter Schachspieler existiert wirklich: der aktuelle Weltmeister Magnus Carlsen (anders als mein Magnus Maximus verdient er das Attribut allerdings). Bei Magnus Maximus und Elo Eiferer hatte ich mich an keiner realen Person orientiert, wobei mir persönlich schon einzelne Schachspieler einfallen würden, die vielleicht gewisse Parallelen zu einem der beiden aufweisen, wobei noch niemand so dick aufgetragen hat, wie meine beiden fiktiven Figuren. In einem gewissen (hoffentlich begrenzten) Rahmen neigt aber vielleicht auch jeder Schachspieler einem der beiden „Typen“ zu und ohne solche „Typen“ wäre das Schachspiel wohl auch langweilig.

Abschließend bleibt mir nur noch der Wunsch, dass dem Leser das Lesen meiner Adaption so viel Freude bereitet hat, wie mir das Schreiben derselben und das Lesen des plautinischen Originals.

Sören Koop

[1] So fern vom antiken Typus vom aufgeblasenen Soldatenhauptmann sind Schachspieler aber gar nicht mal, da auch sie in einem gewissen Sinne ein Soldatenhauptmännchen (ihrer Schacharmee) sind. Ich verzichte hierbei bewusst auf die weibliche / diverse Form bei der Bezeichnung „Schachspieler“, da dieser Typus des aufgeblasenen Wichtigtuers von Plautus dezidiert „männlich“ angelegt ist und mir persönlich auch nur „männliche“ und keine „weiblichen“ Äquivalente in der realen Welt einfallen.

[2] Es handelt sich um keine Übersetzung im klassischen Sinne, bei der man möglichst nah am Original bleibt, sondern um eine freie Bearbeitung und eben eine Übersetzung der Motive (nicht des Textes selbst).

[3] Caissa wurde von William Jones 1763 erstmalig in dem gleichnamigen Gedicht erwähnt / „erfunden“. Ihr Mythos ist dabei mit der antiken Götterwelt verwoben, siehe http://www.chessdryad.com/caissa/caissa.htm (englischer Originaltext) und https://perlenvombodensee.de/2020/05/29/caissa-komm-in-quarantaene/ (humorvolle Zusammenfassung). Beide Links wurden letztmalig am 29. März 2021 aufgerufen.

[4] Satelles, satellitis m/f bedeutet wortwörtlich tatsächlich Gefolge, Begleiter. Bei dem Wort Satellit denkt man heute jedoch nur an Satelliten im Weltraum. Da ich dieses Bild von dem wie Satelliten umkreisenden Gefolge zu schön fand, das aber in einer Übersetzung nicht ausdrücken konnte, habe ich mich für das Zitat entschieden.

[5] So verwendet Magnus Maximus z.B. nur den Pluralis Majestatis, wenn er von sich selbst spricht.

[6] Bei einem von mir nicht erwartetem Interesse an wissenschaftlicher Fachliteratur kann man die im Literaturverzeichnis bei Wikipedia erwähnten Werke in der altphilologischen Fachbibliothek seines Vertrauens zu Rate ziehen.

Bildnachweis: Das Bild wurde Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Hieronymus_Carl_Friedrich_von_M%C3%BCnchhausen#/media/Datei:M%C3%BCnchhausen-AWille.jpg) am 29. März entnommen und ist gemeinfrei (ohne Copyright). Die Könige habe ich statt der Kanonenkugeln nachträglich eingefügt. Urheber der Gravur Münchhausens Ritt auf der Kanonenkugel war August von Wille 1872.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.